Stockholm

Die Anreise war bei dieser Tour speziell. Bernhard besuchte eine wissenschaftliche Konferenz in Stockholm. Da wir schon länger mit der Idee spielen, einmal um die Ostsee zu fahren, war schnell die Idee geboren, einen Teil im Anschluss an die Konferenz abzuradeln. Es war das erste Mal, dass wir unsere Räder einem Flugzeug anvertrauen mussten: mit fatalen Folgen.

Als wir die Räder im Hotel auspackten, mussten wir feststellen, dass Bernhards Hinterrad komplett zerstört war. Die Felge war mehrfach verbogen und gebrochen. In einer Großstadt ist der nächste Radladen praktischer Weise nicht weit entfernt. Nachdem wir für Ersatz gesorgt hatten, stellte sich dann noch heraus, dass die Schaltaugen (auf Schwedisch „växelöra“, also wörtlich Wechselohren) an beiden Rädern verbogen waren. Das konnte der freundliche Radtechniker zum Glück zügig richten. Bezahlen mussten wir lediglich die Felge!

Die Konferenzwoche war dann ein voller Erfolg. Mit einer Ausnahme: praktisch alle wissenschaftlichen Zeitschriften im Bereich der Künstlichen Intelligenz mussten einen Rückgang beim Impact-Factor hinnehmen, was bei dem aktuellen Hype um die KI nur schwer verständlich ist.

Während Bernhard wissenschaftete, erkundete Andrea die Stadt. Stockholm ist eine Großstadt, aber die Lage auf vielen Inseln führt den Besucher immer wieder ans Wasser. Hier liegen schöne Parkanlagen und es gibt zahlreiche Badebuchten. Wo kann man sonst mitten in der Innenstadt baden gehen? Bei ungewöhnlich hohen Temperaturen eine zusätzliche Freude.

Vermutlich lag es an den schwedischen Sommerferien. Es war angenehm durch die Stadt zu radeln. Wenig und rücksichtsvoll fahrender Verkehr und sehr viele gut ausgebaute Radwege. Die Radtour um den See Brunnsviken entlang des Stockholmer Universitätsbezirks durch den Botanischen Garten, den englischen Landschaftspark Hagapark mit seinen vielen Pavillons und Lustschlösschen sowie den Nordfriedhof war wunderschön.

Gemeinsam besuchten wir als Teil des Konferenzprogramms u.a. das Stadthuset, mit dem „blauen Saal“, in dem die Nobelpreisehrungen stattfinden. Dieser Saal sollte ursprünglich mit blauer Dekoration versehen werden. Dann fand man die rohen Backsteinwände doch attraktiver. Der Name blieb. Dafür legte man sich ein Stockwerk höher besonders ins Zeug. Der Goldene Saal macht seinen Namen alle Ehre.

An einem anderen Abend fand ein Konferenzdinner im Vasa-Museum statt. Hier kann man das bei seiner Jungfernfahrt im 17. Jahrhundert gesunkene seinerzeit größte Kriegsschiff bewundern. Der König hatte gegen den Rat seiner Schiffsbauer darauf bestanden, ein weiteres Kanonendeck auf das Schiff zu setzen. Die Proportionen wirkten äußerst unausgewogen und man konnte sich gut vorstellen, wie das Schiff in die Schlagseite geriet. Andrea war sofort verschwunden und erkundete die Ausstellung. Besonders berührend fand sie die Gesichtsrekonstruktionen der im Schiffsrumpf gefundenen einfachen Matrosen und ihrer weiblichen Verwandten, die den Stapellauf als Gäste mitmachen durften und ums Leben kamen.

Die Abende verbrachten wir in angenehmer Gesellschaft der Kollegen und ihrer Familienmitglieder. Vor allem die dem Hotel gegenüber liegende Open-Air-Gastronomie hatte es uns angetan. Hier konnte man die lange schwedische Sommerdämmerung bei angenehmen Temperaturen genießen.