Tag 7: Frankenstein – Crimmitschau/Gablenz (96 km, 1160 hm)

Der morgendliche Nebel löste sich schon auf als wir uns nach dem Frühstück auf den Weg machten. Die erste lange Abfahrt verursachte noch Gänsehaut. Aber das sollte sich bald ändern. Gestern hatte Bernhard sich noch beschwert, dass das Erzgebirge ja gar keine richtigen Berge hätte. Heute zeigte es uns dann die Zähne. Die Täler wurden schmaler, die Anstiege lang und heftig und die steilen Abfahrten gingen schnell wieder in Anstiege über.

Von einer Anhöhe grüßte bald eine große Festung, die wir nach jedem Anstieg immer wieder sahen und auf die wir zielgerade zu fuhren: Augustusburg. Die Auffahrt zur Feste und zum Jagdschloß des Kurfürsten August  war eine echte Herausforderung: 15 % Steigung über holpriges Kopfpflaster. Oben wurden wir allerdings mit einer wunderbaren Rundsicht über das Erzgebirge bis nach Böhmen belohnt. Ein Eis und eine Apfelschorle brachten verlorene Energie bald zurück.

Bis Chemnitz blieb die Landschaft waldig und sportlich herausfordernd. Kurz vor der ehemaligen Karl-Marx-Stadt machten wir in Ebau Mittagspause. Dann ging es auf einer langen Abfahrt hinab in die moderne Industriestadt. Hier hat die sozialistische Moderne breite, mehrspurige Autostraßen mit Hochhäusern im Stil der 70er Jahre hinterlassen. Mittendrin thronte dann er – Karl Marx, liebevoll auch „der Nischel“ genannt – die weltweit zweitgrößte Porträtbüste jenseits Ulan-Ude. Sehr imposant!

Nach Chemnitz begann des Radfahrers Wunderland. Kurze Aufstiege und dann lange, lange Abfahrten. Die Landschaft wurde ganz weit. Wir fuhren auf langgezogenen Höhenrücken mit Blicken nach Tschechien und in die Ebene bis nach Leipzig. Nicht so schön war, dass der manchmal wieder ausgeschilderte D4 meist parallel der Autobahn A4 verlief. Manchmal war die Streckenführung halsbrecherisch – entlang viel befahrener sehr schmaler Straßen und dann wieder steil hinauf über holprige Feldwege. Aber die langen Abfahrten versöhnten uns immer wieder.

Insgesamt ist der D4-Radweg auf jeden Fall herausfordernd für Körper und Geist. Es geht schon ziemlich zur Sache bei den Höhenmetern. Da die Auszeichung des Wegs sehr lückenhaft ist, fragt man sich manchmal, ob er vielleicht nur im Kopf einiger Radler existiert. Auf jeden Fall muss man immer ein Auge auf das GPS werfen, damit man die richtigen Abzweigungen nimmt.

Ein großes Lob geht an die sächsischen Autofahrer. Zu Hause wird man gnadenlos überholt und an den Rand gedrängt. Hier fahren sie geduldig hinter uns her bis eine sichere Möglichkeit zu überholen besteht. Wenn wir dann auswichen, um die lange Schlange hinter uns vorbei zu lassen, ernteten wir anerkennendes Hupen.

Unsere Pension in Gablenz heute Abend ist spitze. Die Wirtsleute sind sehr freundlich und es passt alles. Wir sitzen idyllisch auf einem schönen Hinterhof, beobachten die Schwalben, die Katzen und die Kinder des Wirts, schauen einer Hochzeitsfeier zu und trinken leckeres Pils und warten aufs Abendessen.