Tag 2: Ruhetag in Görlitz (16 km)

Nachdem wir gestern ja schon einen wesentlichen Teil unserer Radtour absolviert hatten, war heute erstmal ein Ruhetag angesagt. Echt? Ein Ruhetag bevor es los geht? Tatsächlich! Wir hatten einen Puffertag eingeplant, um für ein eventuelles Desaster bei der Beförderung durch die Bahn gerüstet zu sein. Den nutzten wir heute für eine Besichtigung der Stadt, was wir jedem nur empfehlen können.

Nach dem Frühstück ging es mit dem Fahrrad Richtung Innenstadt. Auf dem Weg klingelte dann gleich der „Cachealarm“. Wir standen auf dem 15. Längengrad und das muss jeder Cacher natürlich mit einem Log würdigen. Im Listing stand, dass es rund 100 Meter von hier einen „Meridianstein“ geben sollte, der den „alten“ (prä-WGS84) Längengrad markiert. Sofort war unser Ehrgeiz geweckt und wir versuchten diesen Stein zu finden. Zum Glück gab es einen weiteren Cache, der genau auf diese Steinkugel hinwies, die 1961 aufgestellt worden war zur Erinnerung an den „ersten Raumflug eines Menschen“. Was man nicht so alles durch Geocaching lernt.

Nach dieser geodätischen Erleuchtung radelten wir durch eine alte Parkanlage entlang von bürgerlichen Mietshäusern des späten 19. Jahrhunderts in die Altstadt. Hier ging es zuerst zur Kirche St. Peter und Paul, deren fantastische Orgel wir aber nur auf Fotos bewundern konnten, da der sonntägliche Gottesdienst uns den Zugang zur Kirche versperrte. Also suchten wir den abgestürzten Handwerker und den zugehörigen Cache und radelten dann hinüber nach Polen. Hier lockte uns eine Dose zu einem Wasserturm aus den 30iger Jahren (neue Sachlichkeit) und einem schönen Blick auf die westliche Altstadt.

Nach einer kurzen Schorlepause mit Aussicht auf die Neiße machten wir uns auf zur Erkundung der Altstadt. Sie läßt das Herz einer jeden Historikerin höher schlagen. Prachtvolle Bauten aus Renaissance und Barock zeigen den einstigen Reichtum dieser Handwerks- und Handelsstadt. Bernhard zog sich zu Füßen der astrologischen Sonnenuhr von Herrn Scultetus in ein Cafe zurück, um Caches zu loggen und Post zu beantworten. Andrea musste natürlich das Wissen über Görlitz mit einem Museumsbesuch erweitern und verlustierte sich mit barocker Wohnkultur und den erstaunlichen Sammlungen der Görlitzer wissenschaftlichen Gesellschaft. Vor den antireformatorischen Umtrieben in Schlesien gerettete Buchsammlungen, elektro-magnetische Apparaturen, Antiken und Hinterlassenschaften der Vorgeschichte sowie eine nach Naturräumen sortierte geologische Sammlung ließen ahnen, wie gut und interessiert hier die Bürger vom 16. bis frühen 20. Jahrhundert zu leben verstanden.

Nach einem kleinen Imbiss bestehend aus Suppe für Bernhard und Luisentörtchen, einer Erfindung der sparsamen Preußenkönigin Louise, für Andrea wurden dann die industriellen Hinterlassenschaften und Wohnbezirke der Arbeiter aus verschiedenen Zeiten besichtigt. Zum Schluss landeten wir wieder in dem netten Cafe mit Aussicht nach Polen und krönten den Tag mit schlesischem Mohnkuchen und Obstschnitten nach dem Geheimrezepten der sorbischen Oma.

Jetzt sitzen wir wieder im Restaurant unseres Hotels, genießen das leckere Essen und überlegen, welche Regenbekleidung dem angekündigten Regen morgen stand halten könnte. Eine erste Kostprobe der zu erwartenden Regengüsse haben wir schon hier auf der Terrasse (unter der Markise) erleben dürfen. Viele Gäste flohen nach innen, wir blieben!