Tag 12: Decize – Diou (63 km, 280 hm)

Die Wetterfrösche prophezeiten für heute Mittag Regen mit Gewitterneigung. Wir ließen uns beeindrucken und buchten eine Ferienwohnung in Diou 64 km entfernt, anstatt, wie geplant, 90 km nach Paray-le-Monial zu radeln.

Die Möglichkeit ab 7 Uhr zu frühstücken, kam uns entgegen und so standen wir um 8:15 Uhr bereit zur Abfahrt und musterten den schwarzen westlichen Himmel. Das Regenradar gab Entwarnung und los ging’s.

Decize liegt pittoresk auf einem kleinen Hügel im Flussbett der Loire und dem Mündungsgebiet des L’Aron. Wir hätten den Fahrradweg durch die Stadt nehmen sollen. Unser Track führte uns auf stark befahrenen Straßen einmal um den Stadthügel herum. Hier war wieder höchste Konzentration gefordert. Fehlen die Hinweisschilder für eine Auto-Rad-Partnerstraße, kennen auch Franzosen kein Pardon.

Unser Track führte uns von der jetzt schmalen Loire und dem Canal Lateral in das nördlich liegende hügelige Bergland. Die Loire sahen wir heute nur wenige Male. Einige Radwegbeschreibungen finden diesen Teil des EV6 langweilig und zu schwer zu fahren. Wir waren begeistert. Endlich nicht mehr schnurgerade auf dem Deich oder am Kanal, sondern Wellenreiten mit weiten Aussichten über ein grünes, reich strukturiertes Bergland. 

Die schmalen Straßen, die Felder und Wiesen sind von niedrigen Hecken begrenzt. Auf den Weiden grasen Schafe, Ziegen, Esel und vor allem Charolais-Kühe mit Kälbern. Milchvieh sieht man hier nicht. Ist dies eine Erklärung, dass man hier immer nur „Petit Café“ oder „Grand Café“, aber nie „Café au Lait“ bekommt? Besteht man auf Kaffee mit Milch erhält man ein kleines Plastikfläschen mit Milch, fürsorglich mit zusätzlich Calcium und 10 Vitaminen angereichert.

Die Höfe sind hier immer noch recht stattlich. Hier und da sah man auch ein Herrenhaus, aber keine Chateaus. Eines der größeren Häuser hat einen Park, in dem kleine, rosa Alpenveilchen in dichten großen Kissen blühen. 

 Von den Anhöhen aus sahen wir im Westen und Südwesten dunkle Wolken. Der heranziehende Regen machte die Luft klar. Wir konnten die Wolkenfahne des letzten AKWs weit unten am Horizont erkennen. Vor uns sahen wir immer wieder die Türme und Häuser von Bourbon-Lancy auf der Höhe liegen. 

Irgendwann kam ein kleiner Jagdhund mit Halsband links aus der Hecke geschossen, überholte uns, blickte kurz zurück und verschwand rechts wieder in den Wiesen. Bald darauf sahen wir ihn, in ziemlicher Entfernung mit hohem Tempo auf ein gelbes Haus zu laufen. Vielleicht kehrte er mit leicht schlechtem Gewissen von einem verbotenen Jagdausflug zurück und wollte vor Herrchen wieder daheim sein.

Bei einem der Bauernhöfe sauste ein ganzes Rudel großer und kleiner bellender Hunde auf uns zu. Uns standen die Haare zu Berge und wir traten unwillkürlich in die Pedale. Aber die Hunde akzeptierten das über die Hofeinfahrt gespannte Seil als Grenze und verzichteten darauf,  uns zu hetzen. Puh!

Kurz hinter Bourbon-Lancy ging es wieder hinunter zur Loire. Der Weg war breit, verlief neben der Hauptverkehrsstraße und hatte eine moderate, durch Brücken ausgeglichene Steigung. Bald darauf sahen wir zuerst ein Bahnwärterhaus, dann das ehemalige Bahnhofsgebäude von Saint-Aubin-sur-Loire: eine zum Radweg umgebaute ehemalige Kleinbahn.

Das Schloss von Saint-Aubin versteckte sich hinter einem meterhohen Holzsichtschutz. Ein Teil war durch Maschendraht ersetzt. Hatte sich das Tourismusbüro dafür starkgemacht, uns Radlern einen Blick auf die gelbe Fassade des Schlosses und seines treppenartig angelegten Parks zu gönnen?

Bald danach ging es über die Loire zurück an den Kanal und hinein nach Diou. Eines der kleinen Häuser an der Durchgangsstraße gehört für eine Nacht uns ganz allein – mit Waschmaschine, Kühlschrank, Wohnzimmer, Schlafzimmer, usw. Welch ein Luxus!

Insgesamt war der Wetterbericht sehr pessimistisch gewesen. Wir hatten auf der Tour 3 Tropfen abbekommen und beim Einkauf heute Abend 4 Tropfen. Und es hat gedonnert. Hoffen wir, dass der angekündigte Regen in den kommenden Tagen auch so wenige Spuren hinterlässt. (Oder hat der katholische Regenzauber, diesmal mit Hilfe von Notre Dame, doch seine Wirkung entfaltet?)