Schongau – Kaufbeuren (51 km, 359 hm)

Heute war der Tag der spontanen Umplanungen. Auf der Fahrt in die Stadt hatten wir gestern ein Radelschild „Sachsenrieder Bähnle“ gesehen. Bahnradwege versprechen immer eine komfortable Steigung von nicht mehr als 2 Prozent und leiten den Radler weg vom Verkehr, ruhig durch die Landschaft. Also wurde mit Hilfe des Bayernradwegplaners ein neuer Track erstellt und, mit ein wenig Überredung, auf das Garmin geladen. 

Steil ging es durch das südliche Stadttor wieder hinunter ins Tal. Dann begann die Track- und Radweg-Konfusion. Unser Track zeigte in eine andere Richtung als die Schilder für den Bähnle-Radweg. Nach einiger Diskussion folgten wir dem Track und standen bald wieder an einer Kreuzung mit widersprüchlichen Wegweisern. Ein netter Mann half uns weiter. Sein Weg gehörte aber nicht zu unserem neuen Track.

Ein Blick auf das nun weit unter uns liegende Schongau auf dem Berg in der alten Lechschleife, dann fuhren wir auf die wunderschöne, romanische Kirche St. Michael in Altenstadt zu. Und weg war der Radweg. Also bogen wir nach Gefühl ab und sahen in der Wiese das Projektionsbild einer Dampflok der Serie 38. Wir waren also richtig. Entspannte Blicke auf die weite Wiesenlandschaft bis zur nächsten Kreuzung. Gibt es hier Witzbolde, die die Schilder verdrehen und Teile abmontieren? 

Wir waren es leid. Jetzt luden wir unseren ursprünglichen Track und kurvten frei nach Topokarte über Ingenried auf ihn zu. Und siehe da! Der ursprüngliche Track verläuft tatsächlich auf dem Bähnle-Radweg! Was lernen wir daraus? Trackradeln am Tag und am Morgen, erspart dir Schilder- und Kartensorgen!

Der Radweg führte auf und ab durch eine grüne, eiszeitliche Moränenlandschaft. Die Höhen öffneten uns den Blick auf die Zugspitze und das Karwendelgebirge. Die Steigungen waren für eine Bahnstrecke aber zu steil. Ein Bahn-Picknick-Platz mit Infos zur Bahnstrecke und zum Radweg klärte uns auf, dass er im ersten Teil lediglich dem ungefähren Verlauf der Strecke folgt und zudem aus verschiedenen Strecken besteht! Das erklärte unsere Konfusion. Erst im Sachsenrieder Forst, im Dreieck der Landkreise Weilheim-Schongau, Landsberg am Lech und Ostallgäu führt der Radweg tatsächlich auf die alte Bahntrasse. Im Landkreis Ostallgäu ist er dann auch komfortabel asphaltiert. 

Kurz zuvor verließen wir den Radweg noch einmal. Ein Cache lockte uns zum verlassenen Dorf  Haberatshofen. Es bestand aus drei Höfen. Im Sommer litt es immer unter Wassermangel. Das Wasser musste mit Karren von weit her geholt werden. Als den Bauern zu Beginn des 19. Jahrhunderts die Waldweide für das Vieh verboten wurde, sahen sie keine Zukunft mehr für sich.. Das Dorf wurde aufgegeben. Übrig blieb ein Brunnen und ein Gedenkstein. 

Hier soll es nicht geheuer sein. Eine weiße Frau setzt sich auf die Rücksitze vorbei fahrender Autos und hinterläßt blutige Handabdrücke. Manchmal sieht man auch ein kleines Kind auf dem Brunnenrand sitzen. Es war im Brunnen ertrunken. Wir konnten heute unbehelligt nach der Dose suchen. Auf dem Brunnenrand lag nur ein aufgeschlagenes Buch mit Liebesgedichten.

Der Bahnweg führte uns hoch über die Dörfer Oberzell, Stocken, Osterzell und Frankenhofen. Oberhalb von Stocken machten wir mit schönem Blick eine kleine Pause. Bernhard ließ noch einmal die Drohne steigen. Andrea beschäftigte sich mittels Earthcache wieder mit der Geologie dieser Gegend.

Bei dem Genuss eines Nusshörnchen fiel uns ein, dass wir unsere Planänderung für die nächsten Tage doch auch mit der Lage der letzten Kreise vergleichen sollten. Aufgrund der Streiklage bei der Bahn haben wir vorsichtshalber die Fahrt nach Augsburg gestrichen. Wir fahren über Memmingen wieder nach Baden-Württemberg und hoffen per Nahverkehr besser heim zu kommen.

Es war gut, dass wir noch einmal auf die Kreiskarte schauten. Hier liegt der Landkreis Landsberg am Lech, den wir eigentlich auf der Fahrt nach Augsburg durchradeln wollten, nah an unserer heutigen Tour. Wir fanden bei Dienhausen eine geeignete Dose. So bogen wir heute noch einmal vom Track ab und radelten durch den Sachsenrieder Forst zu einem Eichenbaum, der einen schönen Blick auf eine der hier sehr seltenen Windkraftanlagen bietet. Sinnigerweise heißt der Cache „auf nach Norddeutschland“. 

Unsere kleine Streckenabweichung führte uns auch zu einer alten Römerstraße mit denkmalgeschützter Schutzhütte. Solche Hütten stehen in Australien auch unter Schutz und heißen dann „Heritage Shack“. 

Der Rest des frühen Nachmittags war dann nur noch entspanntes Bahnradeln gemeinsam mit zahlreichen anderen Radlern und E-Bikern. Entsprechend früh waren wir im schönen Kaufbeuren.

Kaufbeuren ist die letzte der vier kreisfreien Städte, die wir besuchen wollten. Vor dem Abendessen fanden wir schnell noch ein Döschen. Der Kreis Landsberg war heute auch der letzte der 23 Kreise. Somit haben wir die Aufgabe unser diesjährigen Sommerreise erfolgreich erfüllt. Das feiern wir jetzt bei einem ausgezeichneten Italiener auf dem (verkehrsberuhigten!) Markplatz von Kaufbeuren.