Engelsberg – Bad Aibling (78 km, 351 hm)

Blauer Himmel, kein Wölkchen in Sicht heute Morgen! Nach einem guten Frühstück in der geschmackvoll eingerichteten Stube beim Wirt z’Engelberg starteten wir in einen frischen, klaren Sommermorgen. Bei der Abfahrt vom Engelberg zur Alz sahen wir im blauen Dunst das erste Mal die Alpen.

Wir folgten der Alz flussaufwärts zum Chiemsee. Anfangs war der Fluss zweigeteilt in Kanal und ebenfalls kanalisiertem Flussbett. In Trostberg lagen beide sehr eng beieinander. Wir radelten entlang der bedenklich nach außen gekippten Kanalmauer und sahen sein Wasser in Brusthöhe nach Norden rauschen. In Altenmark stürzen sich die Wasser der Alz über eine hohe Stufe wild rauschend in die Tiefe.

Kurz darauf schickte uns der Radweg steile 15% hinauf zum Kloster Baumburg, das genau auf dem 48. Breitengrad liegt. Überholt wurden wir von einer Parade Oldtimer, Trecker, Motorräder, Lkws und Autos, alle auf Hochglanz poliert. Im schmalen, Baum beschatteten Hohlweg rochen wir die Abgasdüfte unserer Kindheit. 

Bis zum Chiemsee fließt der Fluss in engen Schleifen. Unser Radweg nahm die Abkürzungen über die Höhen und verschaffte uns so immer wieder schöne Ausblicke über den Fluss, Wiesen, Wald und prächtige Bauernhöfe. 

Jetzt befanden wir uns deutlich in einer beliebten Ferienregion. Die Höfe bieten  mit Abenteuerspielplätzen, Swimmingpools, Streichelzoo, „Reit- und Wandergäulen“ Familien attraktive Urlaubsziele. Zahlreiche große und kleine Wanderer und Radfahrer genossen das herrliche Sommerwetter am vorletzten bzw. letzten Wochenende der großen Ferien. 

Gegen Mittag erreichten wir bei Seebruck den Chiemsee. Hinter der weiten Wasserfläche bildeten die  Gipfel der Chiemgauer Alpen Schattenrisse in zarten Blautönen. Diesen Anblick wollten wir in Ruhe genießen. Auf einem Campingplatz fanden wir einen Platz im Biergarten mit offenem Blick über den See und die Berge.

Der schattige, schmale Radweg entlang des Schilfgürtels bis Gstadt erforderte nach der Pause unsere ganze Konzentration. Ähnlich dichten Radverkehr kennen wir bisher nur vom Bodensee. Mit einem Blick auf Frauenchiemsee verließen wir den Seeradweg Richtung Thalkirchen und Simssee. 

Eine gute Entscheidung trotz der zusätzlichen Höhenmeter. Als wir bei Hochstätt gemeinsam mit anderen Radlern den Blick auf die Schafwascherbucht genossen, erfuhren wir, dass der Seeweg über Gstadt hinaus zu größten Teilen unter Wasser steht. Auch der Simssee hat einen hohen Wasserstand. Hier führt der Radweg aber entlang des Hochgestades mit schönen Ausblicken auf den See und die Alpen. 

An beiden Seen herrschte fröhliches Sommerleben. Segelboote kreuzten im lauen Wind. Stehpaddler und Kanuten zeigten unterschiedlichste Paddeltechniken. Kleine Kinder plantschten fröhlich im seichten Uferwasser. Erfahrene Schwimmer wagten sich weit hinaus ins kühle Nass.

Die hohe Inzidenz in Rosenheim bewog uns, am Mangfall entlang weiter nach Bad Aibling zu radeln. Direkt am Radweg erledigten wir unsere letzte Tagesaufgabe,  einen Cache in der kreisfreien Stadt Rosenheim zu loggen. 

Der Mangfall führte uns hinter Rosenheim an einer großen Arbeitersiedlung vorbei. Sie wurde ab 1862 für die Baumwollspinnerei Kolbermoor errichtet. Ein mutiger Investor erkannte früh die Möglichkeiten, die eine neue Eisenbahnlinie und das Energiepotential von Mangfall und Torfabbau in der damals noch wilden Moorlandschaft bot. Mit Hilfe einer Aktiengesellschaft wurde 1860 die Baumwollspinnerei gebaut. Rund herum wuchs die neue Siedlung Kolbermoor, die 1936 zur Stadt erhoben wurde.

Die Spinnerei arbeitete bis 1993. 1996 begann die Stadt mit Hilfe des Landes mit der Sanierung der Werkssiedlung. 2006 schuf  ein Investor in den denkmalsgeschützten Werkhallen der Spinnerei Wohn- und Gewerbeflächen. Das Ensemble machte mit seinen Gärten, Grünanlagen und verkehrsberuhigten Wegen und Straßen heute einen sehr wohnlichen und attraktiven Eindruck. 

Das benachbarte Moorbad Bad Aibling grüßte uns am Ortseingang mit einem großen Springbrunnen und hübsch angelegten  Kurpark. Hier wollen wir unseren zweiten Pausentag verbringen. 

Den Abend verbrachten wir wieder in einem Lokal auf dem Marktplatz, der, wie üblich, auch als Durchgangsstraße fungiert. Tatsächlich haben wir mittlerweile den Eindruck gewonnen, dass es in Bayern zum guten Ton gehört, dass beim Essen im Hintergrund immer viel Getöse herrscht, z.B. durch Autos, die über Kopfsteinpflaster fahren. Vielleicht als belebender Gegensatz zur sonst sehr stillen Landschaft.