Tag 14: Ückeritz – Ueckermünde (103 km, 354 hm)

Abendessen und Frühstück in der Ferienanlage waren super und so konnten wir gut gestärkt in den blauen Morgen radeln. Usedom ist weit größer als man so denkt. Zuerst radelten wir mit vielen, vielen anderen Urlaubern auf dem Strandweg bis Heringsdorf. Hier steht alte Bäderarchitektur vom Feinsten: Heimatstil, Zuckerbäckervillen, Gründerzeit – und alles super renoviert und herausgeputzt.

Von Heringsdorf ging es Richtung Süden zur Fähre nach Karnim. Je weiter wir nach Süden kamen desto einsamer und ländlicher wurde es. Bald waren nur noch Langzeitradler mit Gepäck auf den mal glatten, mal arg rumpeligen Straßen und Wegen unterwegs. In großem Sicherheitsabstand zur Straße trompeteten wieder Kraniche in den Wiesen und auf den Äckern.

In Usedom machten wir eine Kaffee und Kuchenpause in einem ruhigen, nett renovierten Hinterhof mit urigem Restaurant. Warmer Pflaumenkuchen!

Als wir den kleinen, steilen Berg bis zur Fähre hinunter gerappelt waren, erwartete uns eine böse Überraschung. Die Fähre ist eingestellt. Der Hafenmeister verdient seine Brötchen mit dem Betrieb eines Imbisses. Es saßen zwar zahlreiche Leute in dem kleinen verlassenen Hafen, wir beschlossen aber sofort weiter zu fahren, wobei uns der erste Teil des Umwegs eine Tour durch die lokale Botanik bescherte.

Wie sich am Ende heraus stellte, hatten wir um 30 km zusätzlich auf dem Tacho (d.h. rund 50% der geplanten Tagesleistung) und das bei stetigem Gegenwind. Bernhard fand später eine Erklärung in der örtlichen Presse. Die Schiffuntersuchungskommission des Bundes hatte im Mai (2 Monate nach unserer Planung) eine weitere Zulassung der Fähre verweigert. Es stellte sich dabei heraus, dass die Fähre jahrelang ohne Genehmigung betrieben worden war. Jetzt bemüht man sich, die bei Radlern beliebte Fähre nächstes Jahr wieder in Betrieb zu nehmen.

Wir radelten deshalb zur blauen Brücke über die Peene und Richtung Anklam. Nordstream 2 hat hier eine neue Straße mit Radweg gebaut. Sie führt durch ein riesiges Feuchtgebiet. Schilf und Wasserflächen soweit das Auge reicht. Auf abgestorbenen Baumstämmen hockten zahlreiche Kormorane und trockneten ihre Flügel. Schwäne gründelten im flachen Wasser. Sie haben hier einen betriebsamen Sommer mit der Aufzucht ihrer Kleinen verbracht. Zwischen den Baumskeletten sah man einige ihrer großen Nester.

In Anklam auf dem großen Markt musste eine zweite Kuchenpause eingelegt werden. Es lagen noch einmal fast 35 Kilometer vor uns. Der Berlin-Usedom-Radweg hat hier zwar lange Passagen mit Asphalt, man rumpelt aber immer wieder auch über Plattenwege und grobschottrige Naturwege.

Bald hatten wir wieder die Stelle erreicht, zu der uns die ausgefallene Fähre hätte bringen sollen. Wir sahen das markante Eisenskelett der ehemaligen Eisenbahnhubrücke der still gelegten Bahnstrecke Berlin-Usedom.

Ein Angler erklärte uns, dass man hier große Flächen wieder unter Wasser gesetzt hat. Nach dem Dammbruch 1995 wurde das Wasser nicht mehr abgepumpt, Entwässerungskanäle still gelegt. Der Fischer trauerte um die in den 30er Jahren trocken gelegten Flächen und wies uns auf den großen Wald, dessen abgestorbene Bäume im Norden silbern in der Sonne glänzten. Ein gutes Jagdgebiet mit viel Rotwild. Jetzt nur noch gut für Schweine. Und der Fischreichtum der kleinen Flüsse sei auch dahin auf Grund der zahlreichen Kormorane, der Überdüngung und der fehlenden Ausbaggerung der Wasserläufe. Seit Tagen hatte er keinen Fisch geangelt. Der Naturschutz sieht das ganz anders und schwärmt von einem unverzichtbaren Reservat für seltene Pflanzen, Insekten, Vögel und Amphibien.

Auf dem langen Deich durch Schilf und Wasser überholte uns ein junges Paar mit viel Gepäck. Später holten wir sie wieder ein. Sie machen ein Sabbathjahr. Ihre erste Tour führte sie von der Schweiz Rhein runter, dann durch Belgien und die Niederlande, von Leer bis Stralsund mit dem Zug, dann an der Ostsee entlang und nun auf dem Weg zur Oder, die sie nach Tschechien bringen soll. Sie möchten noch Prag besuchen und dann mit dem Zug nach Insbruck und durchs Inntal und die Alpen wieder heim. Eine „Probefahrt“ für Neuseeland und vielleicht noch Thailand. Wir wünschten ihnen gute Fahrt, als sie zum Zeltplatz abbogen und wir die letzten Kilometer Richtung Hotel in Ueckermünde rollten.

Auf dem schönen Martkplatz von Ueckermünde füllten wir den Kalorienspeicher mit Suppe, großem Salat und Nachtisch wieder auf. Bald danach fielen wir müde ins Bett.