Tag 10: Dranske – Sellin (77 km, 304 hm)

Das Frühstück wurde uns heute um sieben Uhr in der kleinen Ferienwohnung serviert. Rund herum war es noch sehr still. Alle anderen schliefen noch. Über Nacht hatte es getaut. Als wir aufbrachen funkelten die Wiesen smaragdgrün. Schnurgerade ging es auf unser erstes Ziel Kap Arkona zu.

Zu so früher Stunde waren wir dort fast ganz allein. Der rote Leuchtturm sendete zwar kein Feuer, leuchtete aber warm im Licht der noch schräg stehenden Morgensonne. Leider sind hier wegen der Absturzgefahr der Kreideklippen die größte Sehenswürdigkeit die Verbotsschilder. Die Vegetation ist so dicht, dass man nicht einmal das Meer sieht. Erst vom pittoresken Vitt aus konnten wir einen Blick auf die weitgehend grünen Kreidefelsen werfen.

Dann ging der Radweg zumeist entlang viel befahrener Straßen um den Trumper Wiek Richtung Nationalpark Jasmund. In Glowe verließen wir kurz die laute Straße. Am Mittelsee mit seinem breiten Schilfgürtel umfing uns erholsame Stille. Die Schwäne ließen sich gemächlich treiben. Am fernen Ufer schnatterten die Wildgänse.

Die Kreidefelsen bei Jeddesitz sahen wir nur von weitem. Durchs hügelige Land ratterten wir über Kopfsteinpflaster Sagard entgegen. Hier suchten wir eine ganze Weile nach einer Einkehrmöglichkeit. Es war mittlerweile sehr heiß geworden. Wir waren froh, dass am Ortsrand wenigstens ein Bäcker geöffnet war, der uns mit leckerem Mohnkuchen und überteuertem Wasser wieder fit machte.

Vor dem Hafen Mukran fuhren wir an großen Gleisanlagen, still gelegten Werken und riesigen Mengen nummerierter, großer Rohre vorbei. Warteten sie darauf aufs Schiff und zum Gasleitungsbau (Nordstream 2) in der Ostsee gebracht zu werden?

Die lange Hausreihe von Prora empfing uns mit Ruinen. Der größte Teil ist mittlerweile renoviert worden. Die Häuser strahlten weiß und ließen sich nicht mehr von einer Hochhausbebauung an anderen europäischen Küsten unterscheiden. Die Nazis haben sowohl Bettenburgen als auch Kreuzfahrten für jedermann früh dafür genutzt das Volk einzufangen und für sich einzunehmen. Heute macht das der Kapitalismus.

In Binz begann der Radweg durch die Kuranlagen mit einem großen Parkordnungsschild. Als ob das jemand lesen und sich daran halten würde. Danach tauchten wir ein ins Dämmerlicht eines alten Buchenwaldes. Der kühle Schatten des Granitz war uns willkommen. Auf und ab ging es über breite, befestigte Sandwege, vorbei am Grab eines einsamen finnischen Kriegers der für die Schweden in den napoleonischen Kriegen gekämpft hatte und in dieser schönen Landschaft gestorben war – nicht ohne sie vorher ordentlich ausgeplündert zu haben.

In Sellin wohnen wir in einem dieser typisch mit Holzspitzengardine verzierten alten Pensionshäuser. Es ist nach der heute heiß scheinenden Sonne benannt. Nebenan ist man dem Kaiserreich treu geblieben. Da residiert man im „Haus Vaterland“.

Heute Abend wollen wir uns mit einem alten Schulkollegen von Bernhard treffen, der nach der Wende in den Osten rüber gemacht hat.