Tag 1: Kiel – Heiligenhafen (92 km, 320 hm)

Bernhard startete in die neue Radreise leider mit Erkältung und Reibeisenstimme. Wir hatten vorsorglich schon einmal geschaut, wie wir mit dem Zug nach Heiligenhafen kommen könnten, aber nach einer ruhigen Nacht fühlte er sich stark genug zu radeln.

Die Sonne schien, der Himmel wolkenlos und so ging es im Sonntagsausflugsmodus an der Förde entlang Richtung Laboe. Kiel radelte zur Arbeit, in die Schule oder joggte zum Tagesauftakt mit Blick auf die blaue Förde, kleine Segelhäfen und ein riesiges Kreuzfahrtschiff, dessen Passagiere heute planten, Kiel zu fluten.

In Laboe gönnten wir dem großen, im wahrsten Sinne national überhöhten Marine-Ehrenmal nur einen kurzen Blick. Die Förde und die Aussicht auf den kleinen Leuchtturm Bülk am nördlichen Ufer interessierte uns weit mehr. Vom Leuchtturm waren wir letztes Jahr in die Stadt gerollt und hatten das Klinkerungetüm in der Ferne grüßen sehen.

Bald ging es auf breit asphaltiertem Deichfuss direkt an Meer und Strand entlang Richtung Süden. Die Saison neigt sich langsam den Ende entgegen. Die meisten Spaziergänger, Meergucker und Badenden waren in unserem Alter. Die Parkplätze ebenso leer wie die Strandkörbe. Die Ostsee war tiefblau und türkisgrün. Leider lagen die Cafés hinter dem Deich. Es wäre schön gewesen, eine Weile auf dieses Farbenspiel zu schauen – mit Pflaumenkuchen und Kaffee.

Irgendwann setzte dann wieder Steilküste ein, der Weg verlief weiter inland. Die Felder waren zum größten Teil schon abgeerntet. Trecker pflügten die Maisstoppel unter und die Möwen saßen wie gesät in den Ackerfurchen. Zwei Kraniche setzten mit großen Bögen und herab hängenden langen Beinen zur Ladung an. Sanft gewelltes Land brachte uns wieder zum Wellenreiten und weit am Horizont ein dunkelblauer Streifen der „Baltic Sea“.

In Hohenwacht machten wir Mittagspause direkt neben dem kleinen Kurpark. Die Ostsee lag zu unseren Füßen versteckt hinter dicken alten Bäumen. Hohenwacht war der höchste Punkt. Von da ging es runter und entlang mehrerer Binnenseen durch Schilfgürtel und über lange Dünengürtel, die die Seen vom Meer trennen.

Kurz vor Heiligenhafen kamen wir mit drei jungen Frauen ins Gespräch, die wir heute schon mehrmals überholt hatten. Ihre Fahrt hatte mit dem Diebstahl eines ihrer Räder begonnen, was sie zwei Tage der Fahrt kostete. Auch sie wollten bis Heiligenhafen und dann weiter an der Küste bis nach Anklam. Vielleicht treffen wir sie ja noch einmal.

Noch einmal führte der Weg direkt am Strand entlang. Im Wasser vergnügten sich drei nackte, gewaltige „Nanas“ und versuchten sich juchzend gegenseitig unter Wasser zu drücken. Etwaige Körperängste früher Jahre hatten sie lustvoll baden gehen lassen. Wir gönnten ihnen ihre Freude und tauchten ein in einen grünen Tunnel alter Bäume, die sich mit dicken Armen gegen den steten Wind vom Meer vom Boden abstützten. Auch sie schon älter, rund und mächtig.

In Heiligenhafen hatten wir ein Bett+Breakfast Hotel gebucht. Im Flur verkündete uns eine selbstgebastelte Collage, dass es als Drehort des 65. Tatorts gedient hatte, mit Jürgen Roland als Regisseur. Wir hörten quasi die Erkennungsmelodie im Off.

Heute war es allerdings sehr ruhig in der Pension. Das war auch gut so. Bernhard hatte sich einen langen Nachmittagsschlaf mehr als verdient. Auch Andrea war zu faul, sich noch einmal aufzuschwingen und zum Graswarder zu fahren. Dafür schauen wir heute Abend vom Italiener auf die berühmte Nehrung, wo ein guter Freund Sommer für Sommer den Touristen die Seevögel näher bringt.