Tag 22: Die Schlei (66 km, 284 hm)

Diesen Tag verdanken wir einem Planungsfehler. Wir hatten, um mit unseren Freunden einen Tag auszumachen, das Wochenende frei gehalten und dann vergessen, den Sonntag einzuplanen.

Nur für Freitag und Sonntag Abend war eine Unterkunft gemietet und auch in der Streckenplanung war der Sonntag nicht berücksichtigt. In Hasselberg hatten wir noch ein freies Zimmer gefunden und der Sonntag stand uns nun zur freien Verfügung.

Wir nutzten ihn, um die Schlei zu erkunden. Wir folgten den Radwegausschilderungen an der nördlichen Schlei bis Missunde, nahmen dort die Fähre und fuhren an der südlichen Schlei wieder zurück bis zur JH Kappeln. Die Radwegeführung entsprach nicht ganz den vollmundigen Versprechungen der Tourismus-Lyriker, ging sie doch die meiste Zeit an befahrenen Straßen entlang.

Die Schlei und ihre Dörfer gefielen uns aber, wenn sie sich heute auch bei bedecktem Himmel, kühl und regnerisch präsentierten. Deshalb waren wohl auch nur wenige andere Radler unterwegs. Anders als in Schweden und Dänemark wurden hier vorwiegend E-Tourenbikes und, man staune, E-Mountainbikes gefahren. Nur die Rennradler sausten noch ganz ohne Hilfsmittel über die Hügel. Auch die sechsköpfige Schweizer Familie, die wir auf der Missunder Fähre trafen, war noch mit eigener Muskelkraft unterwegs. Sie hatten von Hamburg aus mit dem Rad und manchmal auch mit der Bahn fast ganz Schleswig-Holstein umrundet und waren jetzt wieder auf dem Weg nach Hamburg. Würden sie nicht Freitag zurück fahren, so hätten wir uns im gleichen Zug wieder getroffen.

Da es recht kühl war und wir viel Zeit hatten, machten wir zweimal eine längere Pause. Das erste hübsche Café in Lindaunis entpuppte sich als Drehort für die Fernsehserie „Landarzt“. Wir kennen sie nicht, aber wohl die zahlreichen Besucher, die kurz mal reinschauten, um zu fotografieren.

In Sieseby fanden wir einen schönen Gasthof für ein nachmittägliches Aufwärmsüppchen. Mitte des 19. Jahrhunderts hatte ein Hamburger Kaufmann hier ein Mustergut aufgebaut und das alte Dorf renoviert. Das kleine Dorf prunkt heute mit super renovierten weißen Reetdachhäusern mit Autos der Luxusklasse vor den reetgedeckten Garagen.

Rund um die Schlei steht die Zeit still. Anders als in Schweden und Dänemark, wo man selbst in den einsamen Gegenden immer sehr guten Internetempfang hatte, reichte es hier bei unseren zwei Anbietern meist nicht einmal zu einem mageren E. Skandinavien hat uns einfach einiges voraus.

Kurz bevor wir die JH in Kappeln erreichten, begann es zu nieseln und nachdem wir uns, freundlich empfangen, in unserem Zimmer häuslich nieder gelassen hatten, regnete es in Strömen. Es war kein Problem, das Abendessen nachträglich hinzu zu buchen, und so beschlossen wir den Abend in der gastlichen Jugendherberge bei Gyros und Bier. Ins Bett begleiteten uns die Blicke eines Kappeler Wikingers – ein witziges, überlebensgroßes Vexierbild, das von der einen Seite betrachtet, einen modernen Homo Kappelensis und von der anderen Seite seine wilde Seele zeigte: „Gute Nacht! Wilde Träume und morgen geht’s auf Kaperfahrt!“