Tag 14: Von Hohenberg-Krusemark nach Schnackenburg (103 km)

Die Nacht verbrachten wir im ehemaligen Rittergut Krusemark, heute eine hübsche Pension mit angeschlossenem Standesamt. Wir frühstückten gut und reichlich im großen Saal und fühlten uns herrschaftlich.

Heute sollte die große Hitze nun endgültig kommen und so starteten wir wieder sehr früh vor 8 Uhr. Wir radelten in großem Bogen zurück zur Elbe. In den Dörfern standen die Schulkinder am Straßenrand und warteten auf den Schulbus. Die Müllabfuhr raste durch die Gegend als wären die meisten Straßen nicht gepflastert, sondern mit super Rennbelag versehen.

Kurz hinter Hohenberg bogen wir in eine kleine Allee und kamen an der Wüstung Käcklitz vorbei. 1962 wurde das Rittergut mit allen Gebäuden, eine Schule eingeschlossen, aufgegeben und diente als Steinbruch. Heute steht nur noch die Kirche. Im Turm mahnt eine kaum noch leserliche Inschrift sich zu eilen und den Glauben anzunehmen. Heute morgen wirkte die Kirche im frühen, goldenen Morgenlicht lebendig und einladend.

Weiter ging es auf schmalen Straßen und Baum bestandenen Alleen vorbei an renovierten Rittergütern, die mit Gastronomie und Ferienwohnungen für einen ruhigen Landurlaub werben. Große Tafeln erzählen die Sagen der Gegend. Von einer geldgierigen Frau, die ihr Kind verkaufte, damit es in einem Deich, der nicht halten wollte, geopfert wurde. Von Brüdern, die von einem Rittergutsbesitzer aufgestachelt wurden, sich gegenseitig zu erschießen, damit er das Gut des Vater einziehen konnte. Geschichten, die zeigen, dass das Leben hier nicht immer Urlaub war und heute auch noch nicht ist. Große Protestbanner protestieren gegen Agrarfabriken und gegen das Biosphärenreservat und für den Erhalt von Bauernhöfen in Familienhand.

Eigentlich wollten wir in Räbel auf die andere Elbseite wechseln. Aber die Fähre hatte schlapp gemacht; die Hydraulik war kaputt. Der Experte war zwar schon zur Reparatur erschienen, aber wie lange sie dauern würde, konnte man nicht sagen. Also zurück, elbaufwärts zur nächstliegenden Fähre in Sandau. Es gab einen flotten Weg auf dem Deich, doch kurz vor Sandau wurde gebaut und gebaggert, so daß wir schlußendlich fast wieder in Hohenberg waren, bevor wir nach Sandau abbiegen konnten.

Auf der anderen Seite wurden wir für diese Mühen mit Rückenwind und einem super glatten, neuen Radweg belohnt. Wir flitzten teilweise mit 30 km/h immer auf dem Deich durch ein Zweistromland.  Ab Havelberg  läuft ein Kanal parallel zur Elbe. Er soll das Wasser der Havel kontrolliert in die Elbe führen und bei Hochwasser Rückstau vermeiden.

Uns beglückte das Zweistromland mit wunderbaren Aussichten: rechts blaues Wasser, links blaues Wasser und weites mit alten Weiden und Eichen bestandenes Land; wilde Gänse, große Starenschwärme und über allem die Sonne und dicke weiche Wattewolken. Ferienstimmung pur!

Im „Storchennest“ in Rühstädt stärkten wir uns mit Pfannkuchen, um dann weiter zu segeln. Die Hitze fiel aufgrund des immer noch kühlen Fahrtwindes kaum auf.

Eigentlich hatten wir schon in Wittenberge Schluß machen wollen. Weil es so gut lief, beschlossen wir bis Schnackenburg zu fahren. Der junge Radler hatte uns gestern von Wittenberg abgeraten, aber so herunter gekommen sah die Stadt garnicht aus. Sicher, sie begrüßte uns mit einer riesigen Industriebrache, aber in den Stadtvierteln an der Elbe waren viele Häuser renoviert und mit Elbsicht auch neue Häuser errichtet worden. Im Hafen fanden wir ein zeitreisendes Narrenschiff.  Auf einer Seite ging eine Kuh herein und auf der anderen fuhr ein VW heraus. Im Schiff gaben die Wittenberger (?) allesamt den Narren.

Am späten Nachmittag erreichten wir die Fähre nach Schnackenburg. Der Fährpreis betrug jetzt schon 2 Euro und der Fährmann erzählte, dass wir je weiter wir auf Hamburg zu kämen immer höhere Preise bezahlen müssten. Die Fähre landete dort, wo wir im Spätsommer 1983 unsere Paddeltour von Schnackenburg nach Hamburg begonnen hatten. Damals kam hier die Elbe aus der DDR. Einen der alten Wachtürme hatten wir kurz vor Schnackenburg noch gesehen und im Grenzlandmuseum stand auch noch ein altes Patroullienboot der NVA. Wir sind froh, dass diese Menschen verachtende Grenze nicht mehr existiert.

Schnackenburg ist immer noch so klein und verschlafen wie damals. Einen Geldautomaten gibt es hier nicht, aber wir können mit Karte bezahlen, so daß wir heute Abend, Gott sei Dank, im Hafencafe „Felicitas“ Kalorien auffüllen können.